Schwertransport über den Wolken

Eine CH-53 geht in den Einsatz nach Afghanistan. Sie fliegt aber nicht selbst, sondern reist per Flugzeug nach Mazar-e Sharif. Ein fünfköpfiges Spezialteam aus Diepholz sorgt dafür, dass der olivgrüne Koloss als „handliches“ Fluggepäck unterwegs ist.

 

Strahlend blauer Himmel und angenehme zwölf Grad auf dem Rollfeld des Flughafens Leipzig. Im Zeitlupentempo verschwindet der olivgrüne Koloss im Bauch eines riesigen Transportflugzeugs. „Wie bei einem großen 3-D-Puzzle, haben wir außen begonnen und uns zur Mitte vorgearbeitet“, beschreibt Oberfeldwebel Tobias Franzus, wie er und sein Team eine CH-53 für den Lufttransport in einem der größten Flugzeuge der Welt vorbereitet haben. „In Afghanistan setzen wir das Puzzle wieder zusammen. Dann muss jede Schraube und jeder Bolzen wieder an ihren Plätzen sitzen.“ Für die Fluggerätemechaniker des Systemzentrums 21 aus Diepholz ist es Routine, den Hubschrauber komplett zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Aber ihn im Laderaum einer Antonov An-124 zu parken, ist auch für sie etwas Besonderes.

 

Ein Hubschrauber wird zum Passagier
Die CH-53 gehört zum Hubschraubergeschwader 64. Dort wurde sie von Grund auf gewartet und für den Einsatz in Afghanistan vorbereitet. Zukünftig wird der Hubschrauber für den Lufttransport in Mazar-e Sharif genutzt werden.

 

Seit vergangenem Montag stand er in Leipzig und wurde für den Transport an den Hindukusch vorbereitet. Die 4.750 Kilometer vom Heimatstandort Laupheim nach Mazar-e Sharif hätte er auch selber zurücklegen können. Doch dann hätte die Maschine schon nach der Landung wieder gewartet werden müssen. Eine langwierige Prozedur bevor die CH-53 überhaupt zum Einsatz am Bestimmungsort gekommen wäre. „Wir fliegen mit der Antonov um Zeit und Geld zu sparen. Außerdem schont es unser Material.“ Erklärt der 26-jährige Oberfeldwebel. Zusammen mit seinem Trupp wird er in die Antonov steigen und den Hubschrauber der Luftwaffe nach sieben Stunden Flugzeit wieder entladen und flugbereit machen.

 

Vom Rotor bis zur kleinsten Schraube
Doch bevor die CH-53 verladen werden kann, mussten die größten Komponenten schon in den vergangenen Tagen abgebaut werden. Fünf Tage Arbeit für ein fünfköpfiges Team von Fluggerätemechanikern. Die haben zunächst die Rotorblätter und anschließend den Hauptrotor samt Getriebe abmontiert. Aufgaben, die ohne einen Schwerlastkran nicht möglich gewesen wären. Eine kleine Unachtsamkeit hätte ausgereicht, um einen großen Schaden an der Technik zu verursachen. Die Mechaniker hatten die tonnenschwere Last in Millimeterarbeit exakt platziert und mit Bolzen auf einem Transportwagen gesichert. Danach klappten sie die Außenzusatztanks an der Seite des Rumpfes nach oben. Auch am Heckausleger wurden die Rotorblätter abgebaut und der gesamte Ausleger eingeklappt. Dadurch konnten Höhe, Breite und Länge des Hubschraubers so weit reduziert werden, dass er heute perfekt in die Antonov passt. Die Mechaniker-Crew hat nur die notwendigsten Teile abgebaut, damit der Hubschrauber in Afghanistan so schnell wie möglich wieder in Betrieb genommen werden kann. Und trotzdem wird es eng in der Antonov. „Damit wir im Flugzeug noch mehr Platz sparen, haben wir einige Teile sogar im Laderaum des Hubschraubers verstaut“, erklärt Truppführer Franzus.

 

Ein Labyrinth aus Ketten und Kisten
Nachdem die deutschen Soldaten fünf Tage lang alles vorbereitet und in Kisten verpackt hatten, können sie jetzt fast nur noch zusehen. Für die Beladung und Sicherung des Materials ist heute die Besatzung der Antonov verantwortlich. Ein eingespieltes Team aus sieben Technikern, bei denen jeder Handgriff sitzt. Hydraulisch senken sie das Bugfahrwerk ihres Flugzeuges ab, um die Beladung zu erleichtern. Langsam öffnet sich das scheunentor-große Maul des Fliegers und die bordeigene Laderampe klappt sich aus. Neben dem Hubschrauber wird auch ein 20 Tonnen schweres Enteisungsfahrzeug transportiert. Zusätzlich einige große und kleine Materialkisten, in denen sich alles von Büromaterial bis zu Maschinengewehren befindet. Fast 47 Tonnen Last, die wie in einem Tetris-Spiel millimetergenau nebeneinander platziert werden. Keine große Aufgabe für die Antonov-Crew, die bis zu 150 Tonnen Fracht laden kann.

 

Die CH-53 wird per Seilwinde in den Rumpf der An-124 gezogen. „Wenn jetzt ‘was schief geht, wird’s teuer“, sagt Tobias Franzus mit angespanntem Ton. Er hat Schweißperlen auf seiner Stirn als die Stabilisierungsflosse des Hubschraubers nur wenige Zentimeter vor der Laderaumdecke zum Stehen kommt. Aber die Profis haben alles richtig berechnet. Aus Platz- und Kostengründen wird kein Zentimeter im Laderaum verschenkt. So werden noch einige Kisten verstaut und in jeden Zwischenraum gestellt, der sich finden lässt. Zum Schluss wird alles fest am Boden der Antonov verzurrt. So gibt es kaum ein Durchkommen in dem Labyrinth aus Großgerät, Kisten, Spanngurten und Sicherungsketten.

 

Mit ukrainischem Flugzeug in die Wüste
Die Arbeit der Fluggerätemechaniker ist aber noch nicht vorbei. „Nachdem wir den Hubschrauber in Afghanistan wieder flugbereit gemacht haben, rüsten wir eine weitere CH-53 direkt wieder ab“, erklärt Oberfeldwebel Franzus seinen Auftrag. Die muss nach 200 Flugstunden, etwa eineinhalb Jahren, zur „großen Inspektion“ nach Deutschland. Der Wüstensand, die ungewöhnlichen Bedingungen, unter denen im Einsatz geflogen wird, setzen den Maschinen mächtig zu. Schnelle Richtungswechsel sorgen für extreme Belastungen an der Luftfahrzeugzelle und schädigen unter Umständen das Material, es könnten Risse entstehen. Diese Risse werden während der Inspektion mit speziellen Prüfverfahren gesucht und wenn vorhanden auch gefunden. So sitzen Tobias Franzus, sein Trupp und eine CH-53 also am 28.11. wieder in der Antonov und fliegen, mit einem Zwischenstopp in Georgien, nach Leipzig zurück.

 

Autor: Philipp Rabe, Tom Ziegler/Luftwaffe
Bild: Kevin Schrief, Susanne Hähnel/Luftwaffe

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