Den Sternen ein Stück näher

Eigentlich hatte sie genug vom Pressetrubel. Schließlich wollte sie immer „einfach nur fliegen“. Als Hauptmann Ulrike Flender (32) Deutschlands erste Jetpilotin wurde, nahmen die Interviews mit ihr einfach kein Ende, sogar Autogrammkarten hat sie damals geschrieben. Das war 2008. Inzwischen ist es viel ruhiger geworden. Darüber ist sie ganz froh, weil sie sich lieber im Hintergrund hält. Dennoch durften wir sie ein weiteres Mal besuchen. Dieses Mal in Laage beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“. Auch wieder aus einem ganz besonderen Grund.

 

Auf dem Fliegerhorst in Laage, in Mecklenburg-Vorpommern, werden alle Eurofighter-Piloten der Luftwaffe ausgebildet. Insgesamt 24 Kampfjets vom Typ Eurofighter stehen hier zur Verfügung. 14 Maschinen German-Single (Einsitzer) und zehn German-Trainer (Zweisitzer) werden von 32 Piloten geflogen. 17 davon sind Fluglehrer. Der Eurofighter-Basic-Kurs dauert hier etwa acht Monate. Bereits ausgebildete Jetpiloten benötigen für eine Umschulung, zum Beispiel vom Tornado auf den Eurofighter, etwa vier Monate. Auch Hauptmann Flender hat hier im April 2013 eine dieser Umschulungen erfolgreich abgeschlossen. Doch damit nicht genug. Im Anschluss daran bestand sie auch noch den viermonatigen Kurs zum Fluglehrer für den Eurofighter.

 

 

Thema Frau ist kein Thema
Seit November 2014 ist sie unter den 17 Fluglehrern in Laage wieder einmal Vorreiterin. Sie ist Deutschlands erste Frau, die junge Piloten und Pilotinnen ausbildet, die gerade aus ihrer Jet-Ausbildung aus Sheppard kommen und auf den Eurofighter geschult werden. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, spielt dabei weder für sie noch für ihre Flugschüler eine Rolle. „Das ist völlig normal, darüber denkt man überhaupt nicht nach.“, sagt Oberleutnant Groß, einer ihrer Flugschüler. „Bereits in Sheppard, wo wir im NATO-Rahmen die fliegerische Grundausbildung zum Strahlflugzeugführer absolvierten, waren wir von einigen Frauen umgeben, auch von Fluglehrerinnen.“, sagt er. Auch im Kurs von Ulrike Flender ist eine Frau, mit der sie in Lechfeld bereits gemeinsam Tornado geflogen ist. Frauen in Kampfjets sind schon lange keine Seltenheit mehr. „Ich bin ein Fluglehrer wie jeder andere auch.“, sagt Flender über sich selbst.

 

Verantwortungsvolle Aufgabe
„Ich trage jetzt viel mehr Verantwortung, für junge Piloten, die noch wenig Erfahrung haben und noch nicht auf den Eurofighter ausgebildet sind.“, antwortet sie auf die Frage, was den Pilotenalltag von dem eines Fluglehrers unterscheidet. „Es liegt an mir, auch kleinste Fehler, die meine Flugschüler machen, zu erkennen und abzustellen. Dabei darf ich nichts vergessen. Jedes noch so kleine Detail muss vermittelt werden“, sagt sie. Die tägliche Arbeit mit ihren Schülern bereitet ihr viel Freude, beschäftigt sie aber auch Tag und Nacht. Schon am Vorabend überlegt sie, wie sie „die Sachen am besten rüber bringt“. „Ich mache mir viele Gedanken, wie ich welchem Schüler was erkläre, denn nicht jeder versteht es auf die gleiche Weise. “, sagt Hauptmann Flender. „Zu sehen, wie sich meine Schüler entwickeln und ein kleiner Teil ihres Erfolges zu sein, macht mich schon stolz.“

 

Fliegen, Fliegen, Fliegen
Am meisten Spaß macht ihr aber das Fliegen. Es ist und bleibt ihr „absolutes Highlight“, wenn das Wetter passt und sie fast täglich fliegen kann. Auch heute ist so ein Tag. Morgens gibt es das Wetter- und ein Einsatzbriefing für alle Piloten. Anschließend, etwa zwei Stunden vor dem Flug, erhält ihr Schüler das Briefing für seinen Ausbildungsflug. Nach gründlicher Einweisung in Auftrag und Verfahren des bevorstehenden Fluges geht es etwa eine halbe Stunde vor dem Start zur Maschine und kurze Zeit später ab in die Luft. Wie lange so ein Flug dauert, hängt auch von der Mission ab. Werden Luftkämpfe im Nahbereich geflogen, ist der Sprit ziemlich schnell alle, weil man oft den Nachbrenner benutzt. Ein Flug dauert dann etwa 45-50 Minuten. Bei längeren Missionen mit Luftbetankung, kann es schon mal zwei Stunden dauern.

 

Körperliche Belastung
Während des Fluges müssen Jetpiloten ein Vielfaches des eigenen Körpergewichts aushalten. Im Eurofighter mit einer Höchstgeschwindigkeit von maximal Mach 2,35 (ca. 800 Meter in der Sekunde), sprich zweifacher Schallgeschwindigkeit, sind die Kräfte, die besonders auf Rücken und Nacken wirken, enorm. Regelmäßiges Training ist extrem wichtig. „Wir haben hier einen sehr guten Sportoffizier. Hochintensives Training, besonders für Rücken und Nacken, steht da auf dem Programm. Ich treibe aber auch privat sehr viel Sport.“, sagt Ulrike Flender, die jeglicher Belastung trotzt. „Und wenn der Nacken nach dem Flug doch mal etwas verspannt ist, haben wir hier einen klasse Physiotherapeuten“, sagt sie.

 

Ständig verbessern und weiterentwickeln
Genauso wichtig wie die Flugvorbereitung ist die Nachbereitung. Eine gründliche Auswertung eines jeden Fluges ist entscheidend für die erfolgreiche Ausbildung der Flugschüler. Im sogenannten „Debriefing“ wird deshalb angesprochen, was während des Fluges gut lief und was nicht. Aufgetretene Probleme werden thematisiert und Lösungen gesucht. „Das kann schon mal zwei bis drei Stunden dauern.“, erzählt Hauptmann Christoph Hachmeister (29), einer der Flugschüler. „Wir haben Technik und Kameras im Cockpit, die einfach alles aufzeichnen. So können wir jede Bewegung des Fluges und jedes Verfahren auswerten und die Technik und uns selber ständig verbessern und weiterentwickeln.“

 

„Man muss in Mathe keine eins haben“
Der Eurofighter ist ein hochkomplexes Waffensystem. Seine Technik zu verstehen und zu beherrschen ist Grundvoraussetzung für jeden Piloten. Hauptmann Flender hat sich schon immer für Technik interessiert. Sie ist regelrecht fasziniert davon. In ihrer Freizeit absolviert sie nebenbei gerade ein Technikstudium. Für sie ist das ein Hobby und Ausgleich zum Alltag, nicht aber eine zusätzliche Belastung. „Aber auch wenn man in Mathe keine eins hatte und sich nicht unbedingt nur für Technik interessiert hat, bekommt man das alles hin.“, macht sie Mut.

 

Faszination Fliegen
So sehr wie sie die Technik reizt, so sehr fasziniert Hauptmann Flender das Fliegen eines Kampfflugzeuges. „Ich fliege nicht einfach nur von A nach B, sondern erfülle zusätzlich einen Auftrag und muss dabei so viele Dinge bedienen. Das macht es so außergewöhnlich und abwechslungsreich. Es ist schon Wahnsinn, sich zwei Triebwerke unterzuschnallen und dieses krasse Gerät ganz alleine unter sich zu haben.“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Hauptmann Hachmeister drückt es so aus: „Wenn man einige Tage wegen schlechten Wetters nicht fliegen konnte und endlich wieder mit seinem Eurofighter die Wolkendecke durchbricht und einem die Sonne ins Gesicht scheint, merkt man welches Privileg man hat, in so einem Kampfjet jeden Tag fliegen zu dürfen.“, sagt er voller Stolz.

 

Träume verwirklichen
Hauptmann Flender hat sich ihren Traum vom Fliegen erfüllt und sich auf dem Weg dahin nicht beirren lassen. „Das ich immer die erste Frau war, dazu hat ja der Zufall beigetragen, das war nicht gerade mein Verdienst“, sagt sie bescheiden. „Wer wirklich fliegen möchte, der sollte seinen Weg gehen, sich durchsetzen, es probieren und nicht auf irgendwelche Leute hören, die sagen man schafft es nicht.“, sagt sie abschließend. Ihren Kindheitstraum, Astronautin zu werden, hat sie sich noch nicht erfüllt. Mit ihrem Kampfjet ist sie den Sternen aber schon einen ganzes Stück näher gekommen. Und wer weis was noch passiert, schließlich ist sie erst 32 Jahre jung.

 

Autor: Marcel Muth

Foto: Susanne Hähnel

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