Traditionsverband erlangt die alte Kraft zurück

Wir leben in einer Zeit, in der die Bundeswehr immer kleiner zu werden scheint. Doch es gibt hin und wieder noch Verbände – die dürfen wachsen. So wird die Taktische Luftwaffengruppe „Richthofen“ ab Juli dieses Jahres wieder zu einem vollwertigen Geschwader.

 

Im Norddeutschen Luftraum dringt ein Flugzeug in deutsches Hoheitsgebiet ein. Die Soldaten an den Radaren, die den Luftraum überwachen, können es nicht identifizieren und über Funk ist auch kein Kontakt möglich. Kurz darauf wird in Wittmund die QRA (Quick Reaction Alert), die sogenannte Alarmrotte alarmiert. Nur wenige Minuten später ist eine Alarmrotte, bestehend aus zwei Eurofightern, in der Luft und fliegt mit Schallgeschwindigkeit zu dem Ziel. Dort angekommen setzt sich der Führungs-Jet an die Backbordseite (links) des abzufangenden Flugzeuges. Der andere fliegt wenige hundert Meter dahinter, sichert und beobachtet. „Das ist das Standard-Verfahren, wenn ein nicht identifiziertes Flugzeug abgefangen oder Nothilfe für eine Maschine mit Funkausfall geleistet werden soll“, erklärt Oberstleutnant Gero Finke die Situation. „Bei einem echten Alarmstart würde der Führer der Alarmrotte nun versuchen, über eine bestimmte Frequenz oder mit Hilfe international geregelter visueller Signale Kontakt aufzunehmen. Das abgefangene Flugzeug muss nur hinterher fliegen und wird zur Landung geleitet oder zurück in den internationalen Luftraum außerhalb der Grenzen Deutschlands eskortiert“, sagt der Kommandeur der ‚Richthofener‘. Anschließend geht es für die Kampfjets zurück auf den Heimatflugplatz nach Wittmund.

 

Vom Geschwader zur Gruppe und zurück
Dort ist die TaktLwGrp „R“ (Taktische Luftwaffengruppe „Richthofen“) stationiert. Für den norddeutschen Luftraum stehen hier zu jeder Tages- und Nachtzeit Eurofighter bereit, die in solchen Fällen aufsteigen können. Für den Süden Deutschlands ist ein fliegender Verband in Bayern zuständig. Die TaktLwGrp „R“ war ursprünglich bis 30.09.2013 ein Geschwader und Heimatstandort von F-4F Phantom Kampfjets. Diese werden jedoch seit 2013 nicht mehr von der Luftwaffe genutzt. Daraufhin wurde Geschwader zur als Gruppe zum 01.10.2013 neu aufgestellt und dem Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ (TaktLwG 31 „B“) in Nörvenich unterstellt. Der Standort hat mit seinen schnell erreichbaren Übungsräumen über der Nordsee eine ideale Lage.

 

Derzeit sind in Wittmund neun Eurofighter stationiert. Damit heben die ‚Richthofener‘ rund acht Mal am Tag ab. In Nörvenich sind 13 weitere Jets stationiert, die 14 bis 16 Mal starten und landen. „Die Gefechtsstände arbeiten eng zusammen, so dass man auch gemeinsame Manöver im zwischen Wittmund und Nörvenich gelegenen Luftraum planen kann“, erklärt der Kommodore des Geschwaders in Nörvenich, Oberstleutnant Stefan Kleinheyer. Damals sei die geringe Entfernung von 350 Kilometern Luftlinie auch der Grund gewesen, dass das Geschwader Richthofen dem Verband und Nörvenich unterstellt wurde. „Das hilft beim Austausch von Personal und Material zwischen den Standorten und erhöht die operationelle Flexibilität“, sagt Kleinheyer. Doch im Sommer 2016 ist die Zeit der Unterstellung wieder vorbei.

 

Neue Größenordnung des Traditionsverbandes
„Richthofen“ wird ab dem 1. Juli 2016 von der Luftwaffengruppe wieder zum Geschwader. Dann tragen die Wittmunder Eurofighter ihr Wappen nicht mehr nur unter der Kanzel sondern hinten am Leitwerk ihres Kampfflugzeuges. Doch der Aufwuchs wird ein langwieriger Prozess. „Erst einmal ist die Schaffung der Infrastruktur notwendig. Um die als Zielbestand angedachten 35 Eurofighter überhaupt unterbringen zu können, müssen wir eine stillgelegte Schleife mit Flugzeugschutzbauten wieder in Betrieb nehmen“, sagt Gero Finke. „Neu gebaut werden zudem eine Lärmschutz- und eine Instandsetzungshalle sowie moderne Gebäude für die Staffeln und die QRA“, zählt der Oberstleutnant auf.

 

Derzeit sind in der Taktischen Luftwaffengruppe 730 Soldaten und zivile Mitarbeiter tätig. Zukünftig ist eine Größe von rund 900 Menschen angepeilt. „Als Geschwader werden wir erneut zwei fliegende Staffeln haben und die derzeitig in der Technischen Staffel zusammengefasste Wartung und Instandsetzung kann wieder aufgeteilt werden.“ Dazu werden mehr Techniker und vor allen Dingen auch mehr Piloten in Wittmund gebraucht. „Wir brauchen zudem aber erfahrene Leute – Rotten- und Schwarmführer sowie Fluglehrer –, um eine gesunde, zukunftsträchtige Altersstruktur aufbauen und die jungen Piloten auch angemessen aus- und weiterbilden zu können“, sagt Finke.

 

Ausbildung in Deutschland statt in Amerika
Der Grund für den Aufwuchs der ‚Richthofener‘ zum Geschwader liegt auf der anderen Seite des Atlantiks. Ursprünglich war geplant, die fliegerische Ausbildung auf dem Eurofighter – ebenso wie beim Tornado – auf dem US Luftwaffenstützpunkt Holloman durchzuführen. Die Air Force Base wird jedoch aufgrund von hohen Personal- und Materialkosten ab Ende 2019 nicht mehr von der Luftwaffe genutzt. Dementsprechend werden die 24 Eurofighter, die ursprünglich für die Ausbildung in den USA geplant waren, in Deutschland fliegen.

 

Finke und Kleinheyer sind sich einig: „Wenn die Gruppe zum Geschwader wird, ist das erst der Startschuss für den geplanten Aufwuchs.“ Derzeit lässt sich noch nicht vorhersagen, wann er beendet sein wird.

 

Autor: Philipp Rabe/Luftwaffe
Foto: Stefan Petersen/Luftwaffe

 

 

 

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