Zurück in der Luftwaffe

Über 100 Tage ist er nun im Amt, der neue Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe, Generalleutnant Dr. Ansgar Rieks. Höchste Zeit ihn zu fragen, wie die Zeit bisher war, was für Aufgaben vor ihm liegen.

100 Tage im Amt, Herr General. Wie fühlt sich das an, wie waren diese Wochen?

In die Luftwaffe zurück zu kommen und wieder Teil dieses Teams zu sein, ist wie nach Hause zu kommen. Die ersten 100 Tage im Amt als Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe waren ausgesprochen angefüllt mit vielen neuen Themen, die ich hier als Rückkehrer in die Luftwaffe kennen gelernt habe, aber auch mit vielen bekannten Themen. Wenn man aus einem Amt wie dem Luftfahrtamt der Bundeswehr kommt, welches sich im Neuaufbau befand, man alles neu einrichten musste, ist es durchaus angenehm, mit dem Kommando Luftwaffe einen ausgesprochen etablierten, kompetenten, motivierten und auch gut funktionierenden Stab zu haben. Die Tage waren geprägt durch die Einweisung in die verschiedenen Bereiche und die Vielfalt all der Themen, welche wir als Luftwaffe derzeit bearbeiten. Ich werde mich aber in den nächsten Wochen und Monaten weiter bemühen, in die Luftwaffe hineinzugehen und die Verbände und Einheiten, unter anderem auch in der Funktion als Changemanager zu besuchen, aber natürlich auch als Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe.

Nach 100 Tagen im Amt als Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe musste sich Generalleutnant Rieks den Fragen der Redaktion stellen. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

Mit welchem Anspruch gehen Sie an Ihre neuen Aufgaben?

Zunächst einmal will ich sagen, dass ich es schon als meine Aufgabe ansehe, die gesammelten Erfahrungen verschiedener Verwendungen – da gab es ja zahlreiche in der Vergangenheit, die auch für die Luftwaffe von Bedeutung sind – mit ganzer Kraft einzubringen. Auch die Luftwaffe lebt, wie alle anderen Organisationsbereiche, von den Menschen, die in ihr arbeiten. Da sehe ich mich auch als ein Rad im System, und je kompetenter dieses Rad ist, das gilt übrigens für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, desto besser ist es. Natürlich habe ich mich mit dem Inspekteur abgestimmt, und er hat mir einige Punkte in mein Aufgabenheft geschrieben.

Ein Schwerpunkt für mich ist die Kommunikation. Ich glaube, das ist auch ganz besonders wichtig: Kommunikation nach innen und nach außen, Dinge erläutern, erklären und die Soldatinnen und Soldaten und auch alle Zivilangestellten mitnehmen. Ein Sprachrohr für die eigenen Mitarbeiter in die Luftwaffe hinein, aber auch nach außen zu sein. Ganz häufig verstehen wir einander deswegen nicht, weil wir nicht miteinander sprechen. Das ist ein gesellschaftliches Problem, aber auch eines, was in der Bundeswehr da ist. Der Dialog und die Kommunikation wird ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.

Das Kommando Luftwaffe ist derzeit auf die Standorte Köln und Berlin verteilt. Behindert das Ihre Arbeit? Wie steht es mit dem geplanten Umzug?

Der erste Dienstort des Stellvertreters des Inspekteurs der Luftwaffe ist in Köln. Ich erwähne das deswegen, weil eine Dualität zwischen Berlin und Köln besteht. Mit mehr als 50% des Stabes Kommando Luftwaffe in Köln ist es auch vernünftig, den Stellvertreter hier zu haben. Also zunächst mal: Natürlich ist jeder Umzug mit Herausforderungen verbunden. Denn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere wenn sie lange in einer Region leben, sind verwurzelt. Das persönliche Umfeld geht bei einem Umzug möglicherweise verloren oder wird zumindest eingeschränkt. Selber wohne ich mit meiner Frau in Alfter, und wir haben uns gut etabliert. Ganz ehrlich gesagt, nach Berlin zu gehen ist auch nicht einfach etwas, was man nebenbei macht. Auf der anderen Seite darf ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch sagen: Wo immer wir hin umgezogen sind, haben wir es als großes Glück empfunden, diesen neuen Ort kennen zu lernen. Ich habe persönlich auch schon mal für drei Jahre in Berlin gelebt, nämlich von 1999 bis 2002. Berlin bietet viel, und ich glaube man kann in Berlin sehr gut wohnen. Bei allen Umzügen, bei allen Veränderungen von Standorten, gibt es immer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mitgehen und einige, die es lieber nicht tun. Deswegen glaube ich, ist es ganz wichtig, ein individuelles Konzept zu entwickeln. Aber auf Dauer gesehen ist es nur normal, dass ein Kommando Luftwaffe in Berlin mit dem Inspekteur gemeinsam vor Ort ist. Das bringt unter anderem Synergie-Effekte. Die Philosophie dahinter ist schon völlig richtig, und es wird auch mit einer oder vielleicht zwei Generationen von Versetzungen überhaupt kein Problem mehr sein.

Herr General, Sie sind großer Fan des Karnevals. Das sieht man auch an den vielen Orden in Ihrem Büro, die nicht militärischen Ursprungs sind. Auch das gehört zum Standort Wahn. Verlieren wir mit dem Umzug nicht auch Traditionen in der Luftwaffe?

Ja, ich bin ein Fan von Traditionen und Brauchtum im besten Sinne des Wortes. Aber auch von lokalen Kulturen, die es zu bewahren und zu unterstützen gilt. Wenn Sie in Bayern groß werden, dann wissen sie, dass der Rosenmontag keine Rolle spielt, dafür aber der Faschings-Dienstag, noch viel mehr aber das Oktoberfest. Wir haben hier andere Feste als beispielsweise in Hamburg und Bremen. Ich finde Karneval ist eine wunderbare Sache. Ich glaube, wenn man hier in Köln wohnt, kann man sich dem gar nicht entziehen. Sollte man auch gar nicht. Wir sind alle ein Teil unserer Gesellschaft, und insbesondere wenn wir nach Dienst zu unseren Familien fahren, dann ist es völlig normal, sich ihr auch zu widmen. Das ist Teil der Integration am Standort und am Wohnort. Ich habe in Berlin aber auch zahlreiche Dinge gefunden, die solch einen Charakter von lokaler Kultur und Tradition haben. Und ganz ehrlich: Wer gerne Karneval feiert, kann dann auch zurück ins Rheinland fahren.

Wie sehen Sie zukünftig den Stellenwert der Reservisten in der Luftwaffe? Wollen Sie neue Wege beschreiten?

Bei uns in der Luftwaffe sind Reserveoffiziere und -unteroffiziere in den verschiedenen Dienststellen und Kommandobehörden aktiv eingebunden. Oft sieht man nur einzelne von ihnen, aber es sind wirklich viele, und das freut mich, aus verschiedenen Gründen.

Ich bin dankbar, dass der Inspekteur seinem Stellvertreter eine Aufgabe zuweist, wie es auch Tradition bei allen anderen Stellvertretern bis hin zum Stellvertreter des Generalinspekteurs ist. Damit gibt es ein hohes Maß an Bedeutung, Beachtung der Aufgabe und auch der Tätigkeit von Reservisten in der Bundeswehr. Die Bundeswehr hat es mit der Gewinnung von Reservisten schwerer als früher. Mit der Wehrpflicht hatten wir viel mehr Berührungspunkte und dadurch war natürlich auch Reservist zu sein regelmäßiger. Das ist heute nicht mehr so. Wir müssen Reservisten auch dort gewinnen, wo Menschen mit der Bundeswehr noch nie etwas zu tun gehabt haben, und natürlich bleiben Soldatinnen und Soldaten, die in der Bundeswehr ihren Dienst geleistet haben, für die Reservistenarbeit sehr wichtig. Sie für ein Engagement nach ihrer Dienstzeit zu gewinnen, ist eine Aufgabe von uns allen. So können wir ihre Fähigkeiten weiter gewinnbringend nutzen. Das ist meistens auch der einfachere Weg, weil sie natürlich dann da üben, wo sie her gekommen sind und eine Einarbeitungsphase nicht nötig haben. Das ist aber nur ein Fall, weil wir viele Bereiche in der Luftwaffe und auch in der Bundeswehr haben, wo wir ganz viele andere Reservisten von außen brauchen. Ich erinnere nur an die Cyber-Reserve, die jetzt völlig neu aufgebaut wird und wo wir uns bemühen müssen, Menschen aus der Gesellschaft als Reservisten zu gewinnen. Mit Blick auf Ihre Frage, was die Zukunft bringt: Ich sehe unsere Entwicklungen zurück zu Landes- und Bündnisverteidung nicht mehr wie im Kalten Krieg, wo wir Reservisten eingezogen haben, die dann auch da waren. Aber es wird zahlreiche Aufgaben geben, die dazukommen. „Main Operating Bases“ – militärische Flugplätze in Deutschland also – sind in Krise und Krieg zu schützen. Viele Dinge, die so in der nahen Vergangenheit in Deutschland nicht mehr von größter Bedeutung waren, wie zum Beispiel der Transport, ABC-Se Aufgaben oder der infanteristische Objektschutz sind nun wieder entscheidend und durch Reservisten in bestimmten Szenarien zu unterstützen. Unabhängig davon benötigen wir auch in Spezialbereichen Reservisten. Ich glaube, dass wir die Reservistenarbeit in der Bundeswehr und speziell auch in der Luftwaffe in der Zukunft noch mit einer größeren Bedeutung sehen, als das bislang schon der Fall war. Unsere Anstrengungen um die Gewinnung und das Halten von Reserveübenden bei uns müssen weiter intensiviert werden. Ein letztes Wort noch zur Kommunikation. Auch da gehen wir besondere Wege. Wir in der Luftwaffe haben kürzlich eine Tagung mit jungen Reserveoffizieren organisiert mit Leutnanten und Oberleutnanten, zusätzlich zu den Info-Veranstaltungen, die es schon früher gab. Die Reservisten auf dem Weg der Veränderung mitzunehmen und sie über neue Entwicklungen zu informieren, ist eine wichtige Form der Bindung. Und das wollen wir über alle Dienstgradgruppen hinweg gewährleisten, um sie nicht nur in ihrer fachlichen Tätigkeit mitzunehmen, sondern auch als Soldatin und Soldat der Luftwaffe. Davon verspreche ich mir Einiges. Damit sind sie Teil des „Teams Luftwaffe“. Insgesamt sind wir auf einem sehr guten Weg.

In diesem Zusammenhang gilt es sicherlich auch auf die Informationswehrübung InfoDVag hinzuweisen.

Die Dienstlichen Veranstaltungen zur Information (InfoDVag) sind für uns besonders wichtig. Sie dienen dazu, Informationen in die Gesellschaft zu tragen. Hier sprechen wir insbesondere Menschen an, die als Mittler unserer Themen in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft auftreten können, von Interessenverbänden über Bildungsträger bis hin in die Politik. Wir haben in der Luftwaffe sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Auch wenn wir die Organisation und den Ablauf noch ein wenig modifizieren wollen und an die neuen Gegebenheiten anpassen, steht für mich fest: die InfoDVag ist ein wesentlicher Baustein der Öffentlichkeitsarbeit der Luftwaffe. Wenn es uns gelingt, den einen oder anderen zu gewinnen, dann hoffe ich, dass es eine gewisse Sogwirkung geben wird, was das Interesse an einer Teilnahme an der InfoDVag angeht.

Sie sprachen vom Team Luftwaffe, Herr General, wozu neben Aktiven und Reservisten auch alle Zivilangestellten gehören. Sie alle zusammen zu halten, zusammen zu schweißen, ist eine Daueraufgabe. Mit dazu beitragen kann sicherlich auch der Ball der Luftwaffe. Wo sich das Team Luftwaffe auch nach außen präsentiert. Haben Sie trotz momentanem Handicap vor, das Tanzbein zu schwingen?

(Anm. der Redaktion: Generalleutnant Rieks musste sich vor kurzem einer Knieoperation unterziehen)

Natürlich nehme ich – so Gott will – am Ball der Luftwaffe teil, auch wenn es mit dem Tanzen wahrscheinlich nicht ganz so einfach wird. Aber ich werde jetzt noch ein wenig Reha machen und dann auf den Punkt wieder fit sein. Im Übrigen, seitdem ich Offizier bin, war ich fast jedes Jahr auf dem Ball der Luftwaffe. Als Stellvertreter freue ich mich, in diesem Jahr an der Seite des Inspekteurs und seiner Frau sowie in Begleitung meiner Frau die Gäste gemeinsam begrüßen zu dürfen.

Trotz Handicap wird Generalleutnant Rieks am Ball der Luftwaffe teilnehmen. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

Was sind die Themen der Zukunft für die Luftwaffe?

Was uns derzeit in der Luftwaffe sehr beschäftigt, ist die Vielzahl an notwendigen Innovationen. Unsere Luftwaffe muss eine moderne Luftwaffe sein. Wir sind auf gutem Wege dahin: Wir fliegen mit dem A400M eines der modernsten Transportflugzeuge. Wir haben dezidierte Planungen für eine Nachfolge des Tornado. Wir haben die Nachfolge des Eurofighter in Kooperation mit Frankreich vereinbart. Wir werden C-130J in die Luftwaffe einführen, wir bereiten die Nachfolge für den Hubschrauber CH-53 vor. In der FlaRak arbeiten wir an der Beschaffung eines TLVS Systems, wir planen die Weiterentwicklung des Nah- und Nächstbereichsschutzes, wir werden eine europäische Drohne für den MALE Bereich entwickeln und eine Drohne für die hochfliegende Luftaufklärung bekommen. Und das sind ja nur ganz wenige Bereiche, die ich jetzt hier erwähnt habe. Eine Menge Herausforderungen kommen auf uns zu. In all diesen Punkten gibt es noch viele Hürden zu überwinden. Aber ich prognostiziere mal, dass die Generation nach uns, die jetzt ihre Grundausbildung und Offiziersschule absolviert, eine leistungsfähige Luftwaffe haben wird. Wir sind jetzt diejenigen, die daran arbeiten müssen, dass dies alles möglich wird. Wir wissen um die Herausforderungen und Schwierigkeiten, wir wissen, wo die Probleme liegen. Wir ärgern uns, dass einiges nicht im Zeitplan ist. Wenn wir aber mal einen Schritt zur Seite machen, dann müssen wir auch erkennen, dass viele Dinge nicht erst am Horizont erkennbar sind. Was hier in der Luftwaffe entsteht, das ist die Zukunft. Das ist eine positive Botschaft, angesichts aller Herausforderungen, die wir haben. Bei allem, was wir machen, ist es wichtig, auf diese positiven Entwicklungen hinzuweisen.

100 Tage im Amt, eine Vielzahl an Themen, Aufgaben, Besuche und Gespräche. Das ist aber nicht das ganze Leben, sondern das ganze Leben wird erst rund durch Familie, durch das, was nach dem Dienst kommt. Wie erholen Sie sich von diesen Aufgaben, gibt es etwas was sie gerne machen, außer dem Karneval, um wieder Kraft zu tanken?

Ich würde sagen, dass es vielleicht gar nicht so gut ist, so zu fragen. Das führt dann immer zu einer Trennung zwischen Dienst und Privatleben. Natürlich ist so eine Trennung wichtig, aber wenn Sie nicht ein Stück weit den Dienst als ihr normales Leben ansehen, dann werden Sie wahrscheinlich die Herausforderungen gar nicht meistern können. Ich bin deswegen jemand, der nicht so stark dazwischen trennt. Ich mache das, was ich dienstlich mache, gerne, aber ich bin auch gerne zu Hause. Manchmal arbeite ich auch daheim, und hier im Dienst drehe ich dann gerne eine Sportrunde. Natürlich ist aber ein Ausgleich zum Dienst auch wichtig. Ich gehe gerne laufen und singe in einem Chor in Alfter. In meiner Heimatgemeinde bin ich Lektor und Kommunionhelfer. Darüber hinaus habe ich einen Stammtisch in meinem ostwestfälischen Heimatort Nieheim. Seit Jahrzehnten treffen wir uns fünf, sechs Mal im Jahr. Das ist etwas, was sich von der Jugend an bis heute gehalten hat. Und dann sind meine Frau und ich stark eingebunden in eine gute und intensive Nachbarschaft. Wenn es dann noch gelingt, ab und zu mal ein gutes Buch zu lesen, dann ist das Glück fast vollkommen.

Apropos Glück, Herr General, wie steht es mit Schalke in diesem Jahr?

Auch da sehen Sie mich derzeit als Fan des FC Schalke 04 recht zufrieden. Es läuft ganz gut. Mal sehen, wie es im Pokal ausgeht und ob „wir“ diesen Titel holen können. Fußball ist auch so eine Leidenschaft neben dem Karneval. Aber bei allem Mitfiebern ist es eher etwas Lustiges, am Montag nach dem Spiel erfreut oder zerknirscht im Büro das Fußball-Wochenende zu diskutieren.

Autor: Matthias Boehnke

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