Noch immer ist der Weltraum für die Menschen ein kaum erforschter Raum. Aber auch dort lauern für Deutschland Gefahren. Das Weltraumlagezentrum ist dafür zuständig, mögliche Bedrohungen zu erkennen. Grund genug, sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen.

 

Die Interessengemeinschaft der Deutschen Luftwaffe e.V. lud ein und rund 100 Gäste folgten dem Aufruf. Das Thema: „Dimension Weltraum.“ (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

 

Erst kürzlich staunte die Weltgemeinschaft über das erste reale Foto eines Schwarzen Lochs. Wissenschaftler aus der ganzen Welt nutzten zahlreiche Radioteleskope, die so zusammengeschaltet wurden, dass sie wie ein einziges, gigantisches Beobachtungsinstrument funktionieren. Trotz dieses Fortschritts erscheint uns aber vieles im Weltraum rätselhaft und abstrakt. Zu den künstlich geschaffenen Bedrohungen im Weltraum zählt die Entwicklung von Waffensystemen, die im Orbit ihre Anwendung finden – und vor denen sich die Bundesregierung und die Bundeswehr schützen müssen.

Die gesteigerte Bedeutung des Weltraumes für die Sicherheitspolitik trägt die Bundesregierung dadurch Rechnung, dass sie das reine Weltraumlagezentrum (WRLageZ) zu einem Weltraumoperationszentrum umbaut. Ein Qualitätssprung. Geht man damit doch weg von der reinen Beobachtung und Darstellung zu einem aktiveren Ansatz nämlich der Planung und Führung von Operationen.

Auf der Berliner Plattform der Interessengemeinschaft Deutsche Luftwaffe e.V. (IDLw) in der Landesvertretung Sachen-Anhalts trafen sich rund 100 Gäste zu dem Thema. Hochrangige Soldaten der Luftwaffe referierten über die „Dimension Weltraum“, mögliche Bedrohungen und wie die Teilstreitkraft heute und in der Zukunft für diese Herausforderungen aufgestellt ist. Sowohl die Politik als auch die Industrie waren mit vielen Vertretern vor Ort.

 

Immer mehr private Firmen etablieren sich im Weltraum. Das bringt auch Probleme, weiß Nickels. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)
 

Antisatellitenwaffen gibt es nicht nur in „Star Wars“

Ende März hat Indien das bewiesen. Nach Angaben von Regierungschef Narendra Modi hat Indien erfolgreich einen eigenen Satelliten im All abgeschossen. Dabei handele es sich um einen Durchbruch bei der Verteidigung im Weltall, sagte Modi in einer an die Nation gerichteten Rede im Fernseher. Der Satellit befand sich zum Abschusszeitpunkt in einer Distanz von circa 250 Kilometern zur Erde. Der Einsatz dauerte rund drei Minuten.

Man könne dies als Machtdemonstration einer weit entfernten Regionalmacht bewerten, sagt Oberst i.G. Markus Nickels, vom Kommando Luftwaffe während seines Vortrags. „Mit Blick auf den Weltraum ist es aber genau das nicht“, stellt er ergänzend fest. Durch die Zerstörung eines eigenen 750 Kilogramm schweren Satelliten durch Indien in knapp 250 Kilometern Höhe seien Trümmer entstanden, die auch auf höhere Bahnen geschleudert wurden. Sie könnten „unterschiedslos zum Beispiel auch für die Internationale Raumstation oder deutsche Satelliten eine Gefahr werden“, erklärt Nickels weiter.

 

Zudem ist Weltraumschrott eine Gefahr für im Weltraum stationierter Satelliten. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

 

Oberst Nickels ist Referatsleiter Konzeptionelle Grundlagen Weiterentwicklung Luftwaffe und zuständig für die „Dimension Weltraum“. Er stellt fest, dass „Ereignisse im Weltraum – insbesondere eine absichtlich herbeigeführte Konfliktaustragung – auch die eigene kritische Weltrauminfrastruktur gefährden würden“. Zudem nennt er weitere Herausforderungen, vor denen man stehe.

„Ein wesentlicher Faktor beschreibt die massive Ausweitung der Anzahl an Raumfahrttreibenden, vor allem aus der Wirtschaft“, beschreibt Nickels die Akteure im All. Bisher war die Raumfahrt ein Privileg von wenigen. Durch die Gründung sogenannter „New Space“-Firmen befinden sich die nationalen Raumfahrtbranchen aber im Wandel. Immer mehr private Unternehmen, beispielsweise SpaceX und Start-Ups, etablieren sich mit ihrer Technik im Weltraum. Weltraumsysteme würden dadurch immer kleiner, leistungsfähiger und kostengünstiger werden. „Es wird vor allem in den begehrten erdnahen Umlaufbahnen also sprichwörtlich sehr voll“, stellt Nickels fest, denn dort, also in rund 200 bis 2.000 Kilometern Höhe, befinden sich die meisten Satelliten.

Der Weltraumschrott der uns umgibt – und zur Gefahr wird

Seit 2009 beschäftigt sich auch die Luftwaffe vermehrt mit der Weltraumlage. Dazu wurde das ressortgemeinsame WRLageZ in Uedem mit einer zivil-militärischen Doppelspitze aufgestellt. Der zivile Anteil des Weltraumlagezentrums wird vom Raumfahrtmanagement im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gestellt. Militärisch an der Spitze steht Oberst i.G. Marc Worch. Auf der Berliner Plattform der IDLw gab auch er wichtige Einblicke zum Thema Raumfahrt.

 

„Kein Einsatz, keine Friedensmission, kann heute ohne Rückgriff auf die Weltrauminfrastruktur wahrgenommen werden“, sagt Oberst i.G. Marc Worch. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

 

„Kein Einsatz, keine Friedensmission, kann heute ohne Rückgriff auf die Weltrauminfrastruktur wahrgenommen werden“, beschreibt Worch die Bedeutung des technischen Fortschritts. Beispielsweise würden sowohl das Wetter, die Landwirtschaft, die Navigation und die Kommunikation in direkter Abhängigkeit von weltraumbasierten Diensten stehen. Also von Satelliten, die auf all diese Bereiche Einfluss haben.

Circa 1.850 bis 2.000 Satelliten würden sich aktuell im Weltraum befinden. Rund 30.000 andere Objekte seien laut Worch Weltraumschrott mit einem Umfang von zehn Zentimetern oder größer. Dies sei problematisch, denn schon „Kollisionen von Objekten mit einem Umfang von nur einem Zentimeter, können beispielsweise Satelliten unbrauchbar machen“, erklärt Worch. Bis der Schrott wieder in die Erdatmosphäre eintritt und verglüht, können 100 bis 200 Jahre vergehen. So lange befinde sich der Müll auf höheren Bahnen im Weltraum und sei eine potenzielle Gefahr für Satelliten. Das Weltraumlagezentrum überwacht dazu im ressortgemeinsamen Verbund mit der DLR diese Objekte und klärt sie bei Bedarf auf. Zudem werden Warnmeldungen erstellt, wenn Kollisionen von durch die Bundesregierung genutzten Satelliten mit beispielsweise Weltraumschrott drohen.

Aus militärischer Sicht werden auch Analysen und Bewertungen von Raketentests oder Weltraumaktivitäten, beispielsweise Antisatellitenwaffen, erstellt. In den Weltraum getragene Konflikte würden laut Worch „mit hoher Wahrscheinlichkeit schwerwiegende globale Konsequenzen haben und können eskalierende Wirkung auch gegenüber unbeteiligten Dritten entfalten“. Deshalb sei der Weltraum analog zu Luft, Land, See sowie dem Cyber- und Informationsraum als Operationsraum zu betrachten.

 

Alles rund um den Weltraum: Oberst i.G. Markus Nickels und Oberst i.G. Marc Worch sind zu diesem Thema die Experten der Luftwaffe. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

 

Die Verantwortung des Weltraumlagezentrums ist hoch

Oberst i.G. Marc Worch betont in seinem Vortrag die Wichtigkeit der Kooperation mit der DLR. „Die Zusammenarbeit ist eine sehr vertrauensvolle und ein Gewinn für alle Beteiligten“, sagt er. An ziviler Spitze steht Dr. Gerald Braun. Zusammen leiten sie das Weltraumlagezentrum.

Von hier aus wird der Weltraum überwacht und beispielsweise gefährlicher Weltraumschrott beobachtet. Zudem wird aber auch das Weltraumetter analysiert – Sonnenwinde beispielsweise können die Satellitensysteme beeinflussen. In die Einsatzländer liefere man wichtige Informationen und Daten, etwa zu Einflüssen auf Navigations- und zu Kommunikationssystemen.

Das Weltraumlagezentrum ist die zentrale Stelle der Bundesregierung für alle Belange der Weltraumlage und nimmt diese Aufgabe seit 2016 sogar rund um die Uhr wahr.

Nachdem die beiden Oberste in spannenden Vorträgen ihre Expertise und Einblicke in die „Dimension Weltraum“ gaben, wurde die Fragerunde eröffnet. Anschließend kamen die Gäste noch einmal in Einzelgesprächen zusammen und unterhielten sich über die Impressionen die sie erhielten.

 

Nach ihren Vorträgen nahmen sich die beiden Oberste Zeit, um noch offene Fragen einiger Gäste zu klären. (Quelle: Luftwaffe/Susanne Hähnel)

 

Autor: Steve Reutter

X
X