„Maßgeschneidert für das Überraschungsmoment“

Deutsche Staatsbürger werden in einem Krisengebiet als Geiseln festgehalten. In einem Gebäude mitten in der Stadt. Spezialkräfte der Bundeswehr sind auf dem Weg, um sie zu befreien. Einzige Freifläche inmitten der vielen Gebäude ist ein ziemlich kleines Stück Straße. Zu wenig Platz für großes Gerät. Nur ein kleiner, wendiger und leistungsfähiger Hubschrauber kann den engen Landeplatz nutzen. In der Nacht und gegen den Wind nähert sich die Maschine nahezu lautlos und lange unerkannt dem Ziel. Sie landet sicher und das Spezialkommando nutzt den Überraschungseffekt, um die Geiseln zu befreien.

 

Für mögliche Szenarien wie dieses, hat die Bundeswehr den H145M „LUH SOF“ (Light Utility Helicopter Special Operations Forces) beschafft. Klein, wendig und leise, ist der leichte Mehrzweckhubschrauber für urbanes Gelände mit engen Landezonen bestens geeignet. Mittlerweile sind bereits drei von insgesamt 15 bestellten Maschinen beim Hubschraubergeschwader 64 in Laupheim stationiert. Das einzige Hubschraubergeschwader der Luftwaffe hat mit dem H145M LUH SOF und dem größeren Hubschrauber CH-53 nunmehr zwei Flugmuster zur Einsatzunterstützung der Spezialkräfte der Bundeswehr. Ausschließlich von hier erhalten sie die unmittelbare taktische Unterstützung mit Hubschraubern.

 

Derzeit werden die Soldaten des Kommando Spezialkräfte durch die CH-53 unterstützt, die zwar über eine sehr hohe Zuladung verfügt, damit allerdings relativ schwer ist , und auch wegen ihrer Größe nicht für alle Einsätze der Spezialkräfte verwendbar ist. „Mit den neuen Maschinen schließen wir eine Fähigkeitslücke im Geschwader. Immer wenn ein kleiner, leiser und agiler Hubschrauber gefragt ist, kann der H145M seine Stärken ausspielen. Geht es um höhere Zuladung mit größeren Reichweiten, ist die CH-53 erste Wahl.“, sagt der Kommodore des HSG64, Oberst Stefan Demps.

 

Eigens für den H145M wurde in Laupheim eine weitere Fliegende Staffel aufgestellt. Ihre Hauptaufgabe ist die Unterstützung von Spezialkräften der Bundeswehr. In erster Linie werden sie das Kommando Spezialkräfte (KSK) und das Kommando Spezialkräfte Marine (KSM) an Einsatzorte weltweit verbringen. Und zwar nicht nur am Tag, sondern besonders gut bei Nacht und schlechter Sicht, vorzugsweise in urbanem Gelände. Spezialoperationen auf NATO- und EU-Ebene gehören ebenfalls zum Aufgabenspektrum. „Die Spezialkräfte sind unser Kunde und denen wollen wir ermöglichen, dass sie das Schlüsselgelände gewinnen können, das sie brauchen.“, sagt einer der Piloten für den H145M. Die ersten Fluglehrer wurden beim Hersteller Airbus Helicopters auf dem neuen Hubschrauber ausgebildet. Sie geben ihr Wissen bereits im Verband weiter und bilden derzeit in Laupheim weitere Piloten für die Luftwaffe aus.

 

Und so herrscht hier in Laupheim reger Flugbetrieb. Die Piloten fliegen so oft wie möglich alle bisher entwickelten Verfahren. Sie landen immer wieder auf dem Dach eines Gebäudes oder ganz dicht daneben, um das Fliegen in urbanem Umfeld zu vertiefen. Später werden sie gemeinsam mit dem KSK trainieren. Unter anderem das Fast Roping. Ein Verfahren zum Absetzen von Soldaten aus einem fliegenden Hubschrauber über ein spezielles Abseilsystem, oder das Absetzten über einen Lasthaken als Außenlast.

 

Doch bevor es darum geht, die taktischen Verfahren mit dem KSK zu entwickeln und zu trainieren, gilt es den Hubschrauber für alle möglichen Verbringungsmöglichkeiten zu erproben und zuzulassen. Mit einer weiteren Maschine, die zur Erprobung weiterer Verfahren an die Wehrtechnische Dienststelle in Manching (WTD 61) übergeben wurde, testet man deshalb gerade gemeinsam mit dem KSK in Calw verschiedenste Situationen. Bei welchen Geschwindigkeiten kann man zum Beispiel mit dem Fallschirm sicher aus der Maschine springen. „Wir bestimmen den groben Rahmen, in dem man operieren darf. Innerhalb dieses Rahmens darf dann die Truppe ihre Einsatzverfahren festlegen.“, erzählt Oberstleutnant Andreas Buttenmüller, Testpilot von der WTD 61.

 

Oberstleutnant Buttenmüller startet ein ums andere Mal mit dem H145M. Und immer wieder steigen die Soldaten vom KSK mit unterschiedlicher Ausrüstung in ihr neues, spezielles „Taxi“. „Es macht für uns natürlich keinen Unterschied aus welchen Maschinen wir springen, aber man muss schon sagen, dass die hier verdammt leise ist und echt viel Platz bietet.“, erzählt uns ein Springer vom KSK. Eine große Zelle ohne Mittelholm bietet viel Platz für Passagiere und Ausrüstung. Und so springen sie ohne jegliche Probleme, natürlich am Fallschirm, aus dem Hubschrauber: Mal mit Schwimmkragen, mit vollem Zusatzgepäck, mit einem Diensthund oder sogar im Tandemsprung.

 

Das der H145M bei all seinen Einsätzen so wendig ist, verdankt er seinem starren Rotorsystem. Durch den ummantelten Fenestron-Heckrotor ist er erstaunlich leise und außerdem sicher für Bodenkräfte beim Ein- und Aussteigen, gerade in der Nacht. Sein dunkelgrauer Tarnanstrich macht ihn zudem bei widrigem Wetter und bei Nachtflügen fast unsichtbar. Ausgestattet mit modernster Technik, wie dem Vier-Achsen-Autopiloten, nimmt er dem Piloten sehr viel fliegerische Arbeit ab, so dass der sich voll auf die laufende Mission konzentrieren kann.

 

Neben den beeindruckenden Fakten ist die Einführung der H145M „LUH SOF“ ein positives Beispiel für eine pünktliche und maßgeschneiderte Einführung eines Hubschraubers der auf die besonderen Bedürfnisse der Spezialkräfte ausgerichtet ist. „Wir haben das bekommen, was wir bestellt haben, im Zeitplan und im Kostenrahmen.“, sagt Oberst Demps. Pro Quartal sollen nun je zwei weitere Maschinen nach Laupheim geliefert werden. Vorrausschauend sagt er: „Unser Ziel ist es, Ende 2017 eine sogenannte Anfangsbefähigung zu erreichen, um gemeinsam mit dem KSK bereits erste Einsätze in begrenztem Umfang absolvieren zu können.“

 

Autor: Marcel Mut/Luftwaffe
Foto: Susanne Hähnel/Luftwaffe

 

 

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